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Kolumne - Das Mittelalter und Wir
Diese Rubrik bringt in loser Folge Kolumnen, Betrachtungen und Wortmeldungen zur (vermeintlichen) Aktualität des Mittelalters.
Diese Betrachtungen geben nicht in jedem Fall die Meinung der anderen Mitarbeiter des Lehrstuhls wieder. Deswegen sind sie mit dem Verfassernamen gekennzeichnet. Gastkolumnen von Auswärtigen sind erwünscht und können, nach einer Prüfung, an dieser Stelle veröffentlicht werden.
Das Mittelalter war eine finstere Zeit. Wer wüsste das nicht (man vergleiche nur die Startseite der Lehrstuhlhomepage)? Und da wir gegenwärtig auch in finsteren Zeiten leben, hat das Mittelalter eine Art Dauerkonjunktur. Nicht als Vorbild, aber als Warnhinweis: Auf keinen Fall wollen wir zurück in das Mittelalter! Wenn wir uns diese Haltung zu eigen machen, dann finden wir uns im Mittelalter wieder! Da sollte man natürlich vorsichtig sein. Der Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, der im Karrikaturenstreit eine erfreulich klare Linie vertritt, hat in einem Kommentar unlängst klargestellt, dass für diejenigen, die in das Mittelalter zurück wollten, bei uns kein Platz sei. Damit diejenigen, die sich dadurch angesprochen fühlen, nicht auf die Idee kommen, nun in den Vorlesungen und Proseminaren des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte in Augsburg Zuflucht zu suchen, sei hier eines sehr deutlich festgestellt: Der Mann hat recht! Kein Mittelalterhistoriker (und sicher auch keine Mittelalterhistorikerin), der (oder die) sein (oder ihr) Fach auch nur einigermaßen beherrscht, und nicht der Illusion, erliegt, dass der Gebrauch moderner Vokabeln wie "Netzwerke", Kommunikation" oder "Konfliktvermittlung" die Realität der meisten mittelalterlichen Menschen angemessen wiedergibt, kann sich in das Mittelalter zurücksehnen. Gott bewahre! Die Primitivität der Lebensumstände sollte selbst Abenteuerurlauber abschrecken. Und doch muß zur Ehrenrettung des Mittelalters eines gesagt werden: Der Fundamentalismus ist keine Zeitmaschine für die Rückkehr mittelalterlicher Zustände (das wäre ja sonst für Historiker ein immerhin theoretisch reizvoller Versuch einer begrenzten Zeitreise).
Wer darauf verweist, dass der gegenwärtige islamische Fundamentalismus ein Schritt ins Mittelalter sei, der hat von der Realität des Mittelalters keine Vorstellung. Nicht etwa deshalb,weil das Mittelalter viel toleranter gewesen sei, als man in diesem Fall annehme. Das war es nicht, denn "Toleranz" kam im Mittelalter nicht vor. Der Grund, warum der Fundamentalismus keine mittelalterliche Haltung ist, ist einfacher. Das Sprichwort "Die Nürnberger hängen keinen - es sei denn, sie hätten ihn" weist den Weg. Es ist gerade die Primitivität der mittelalterlichen Lebensverhältnisse, die so unfundamentalistisch war. Die heutigen Terroristen haben ein weltweites Netzwerk und sie können auf diese Weise nicht nur ihre Verbrechen synchronisieren, sie können auf diese Weise auch einen ganz anderen Zugriff auf die Menschen organisieren. Dieser Zugriff ist so ganz und gar unmittelalterlich. Es dauerte Monate, um ein Verbrechen in der ganzen europäischen Christenheit bekannt zu machen. Und es dauerte Monate, um vom abweichenden Verhalten eines Menschen am geographischen Rand der Christenheit zu erfahren. Keineswegs waren die Inquisitoren (und manche Theoretiker des Papsttums) freiheitlichere Menschen, als die heutigen fundamentalistischen Vordenker. Aber sie kamen an die Menschen nur in Ausnahmefällen heran. Wenn sie herankamen, konnte es schlimm werden, das soll nicht bestritten werden. Aber es ist erforderlich, bei all den so scharf formulierten Vorschriften im Kopf zu behalten, dass sie von wenigen Menschen durch hunderte Kilometer Wald weitergeleitet werden mussten. Diese widrigen Unstände der Natur (die Reisegeschwindigkeit von Informationen über längere Strecken betrug unter günstigen Bedingungen ca. 40 km am Tag) verhinderten ein autoritäres Regime nach unseren Vorstellungen. Es waren nicht die Haltungen der Herrschenden, die den Einzelnen ihre Freiräume ermöglichten, aber es waren die Unzulänglichkeiten jeglichen Herrschaftsapparats, die den Menschen praktische Freiräume ermöglichten. Insofern hat die Aufklärung durch die grundsätzliche neue Freiheit, die sie mit sich brachte, erst ein erträgliches Zusammenleben der Menschen unter technisch verbesserten Bedingungen vorbereitet. Das Mittelalter brauchte - pointiert formuliert - keine Aufklärung, solange die Straßen so schlecht waren. Es gibt also in der Tat wenig Gründe, in das Mittelalter zurück zu wollen, aber das liegt nicht am Fundamentalismus. Der Fundamentalismus verbindet ein sehr schlichtes, buchstabengetreues Denken mit modernster Technik. Beides ist ganz und gar unmittelalterlich. Natürlich hat der Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen nicht dieses historische Mittelalter gemeint, sondern das Mittelalter als Chiffre für eine dunkle Zeit verwendet. Aber dagegen müssen wir entschieden Einspruch einlegen. Schließlich ist es unsere Aufgabe, Licht in das Dunkel zu bringen. Martin Kaufhold, Februar 2006 |
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